Auf eine Tasse Tee mit Jasmine Simms

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Jasmine Simms ist 23 Jahre alt. Sie ist die bisher jüngste Stipendiatin des Tübinger Stadtschreiberstipendiums. Außerdem die erste Stipendiatin mit nicht-deutscher Muttersprache.

Das Stipendium wird für drei Monate vergeben und ist mit 1000 Euro im Monat dotiert. Es ermöglicht Schriftsteller*innen ohne Zeitdruck und Geldnot an aktuellen Projekten zu arbeiten.

Ich erreiche das Stadtschreiberhäuschen über den Stadtfriedhof. Jasmine begrüßt mich mit einer Tasse englischem Tee und Keksen. Von außen wirkt das alte Haus verwunschen. Innen ist es großzügig und modern ausgestattet und Jasmine betont den Luxus einer Spülmaschine. Wir stehen zu Beginn in der Küche. Ich fühle mich wie in einer Studenten-WG. Wir sprechen abwechselnd deutsch und englisch.

Das Stadtschreiberhaus – Foto von cantaloup.fm

Jasmine Simms:

“Ich habe schon um die Stadtschreiberwohnung geschrieben ein bisschen und den Friedhof. I’m not sure really what my next book is gonna be about yet but if I could find that out whilst I’m here that would be great”.

Mit 16 gewann sie ihren ersten Dichterwettbewerb. Kurz darauf wurde sie für zwei Jahre in ein Förderprogramm für junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller aufgenommen.

Jasmine Simms:

„I didn’t start really identifying as a poet until maybe I went to university”.

Jasmine hat in Tübingens englischer Partnerstadt Durham und am Goldsmith College in London studiert. Bevor sie nach Tübingen kam, machte sie ein Auslandssemester in Leipzig. Die Zeit dort habe sie vor allem in ihrer persönlichen Entwicklung sehr weitergebracht. In Tübingen hat sie jetzt eine Pause von Studium und Nebenjobs, obwohl die Masterarbeit noch aussteht.

Jasmine Simms:

„This is the first time ever I’ve had time to write like this. For me it’s just like a treat. And if I’m not in the mood to write then I just read“.

Jasmine Simms verlässt aber auch ihren Schreibtisch. Sie ist die Gründerin des Kollektivs “Dead (Women) Poet Society”. Das Ziel des Kollektivs ist es, vergessene Texte wieder aufleben zu lassen.

Jasmine Simms:

„Usually we have events where we invite living women poets to resurrect dead women poets. That’s the premise“.

Sowohl bei der Lesung als auch im Gespräch merke ich, dass sie sich auch aktiv mit den Missständen in der Gesellschaft auseinandersetzt.

Jasmine Simms:

„I mean I am political. When I was a student, I was organising a protest every other week. Lately I kind of segregate more into environmental activism“.

Auftaktlesung im Zimmertheater – Foto von cantaloup.fm

Zwei Tage zuvor war ihre Auftaktlesung im Zimmertheater, wo ich ihr zum ersten Mal begegnet bin. Der historische Gewölbekeller war sehr gut besucht. In ihren 14 vorgetragenen Gedichten ging es um Jugend, Sexualität und Wildheit. Ihr markantes Lachen und die humorvolle Art haben bei dem eher älteren Publikum schnell für Begeisterung gesorgt.

50-jährige Städtepartnerschaft

Für das Stadtschreiberstipendium kann man sich nicht bewerben. Umso überraschter war die Dichterin, als sie dafür ausgewählt wurde. Im 50. Jubiläumsjahr der Städtepartnerschaft zwischen Tübingen und Durham sieht sie sich jetzt aber umso mehr auch als Botschafterin. Im Gegensatz zu vielen jungen Erwachsenen in Großbritannien ist es für sie wichtig, andere Länder zu bereisen. An ihrer Heimat in Nordengland hänge sie dennoch sehr. Nach ihrem Stipendium wird sie an die University of Sheffield zurückgehen. Dort studiert sie das englische Äquivalent zu Schulpsychologie. Ihr macht die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen Spaß. Dem Dichten stehe das nicht im Weg.

Am 1. November erscheint ihr erstes Buch bei Smith|doorstop.

I too have stared, like a horse, over a fence
into the next field. I’m becoming tired of knowing
that the wind up my nostrils is a sign of things
coming and going. I have frozen from the inside,
not knowing who opens the gate, or when.

I too have spoken the language of horse,
said things with my back legs,
caused offence, spoken too quickly,
turned out my upper lip after a taste of red wine.
I’ve run my hoof across the ground
just waiting. Now I know how to wait
like a horse does, knotting my mane in class,

looking very far into the distance, counting strides.
Sometimes I think I’ve come this far as a foal,
sleeping with my head between my knees.
The only things I know for sure are real:
the sound of galloping, never to touch you
when your ears are flat back, how to get near you,
how to dream in the back of a horsebox,
how to fall, how to sleep standing up.

Because we have magic
we do not have other things
like smoking and sex.

There is no nakedness.
No electric bells, blue light
from smart phones keeping us up.

No phones at all in the castle.
And because we live here
there is no start or end of days.

We’re dots on a map. Look:
another boy escapes the dragon
on the playing fields. Look:

another girl dropped dead
in the bathroom.
I’ve broken all my bones again.

Every week I write
to the dead parents, all is well,
and every time it rains

indoors at breakfast, under
the imaginary sky. We suffer
from the weather.

Ofsted say we look unhappy
sitting here in the cloisters.
Still, we will save the world.

Ofsted – Schulinspektion
cloisters – Kreuzgang in einer Kirche

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Über

Julia Weiss

...studiert seit 2016 Psychologie an der Uni Tübingen mit Wahlfach Germanistik und ist seit vier Semestern bei cantaloup.fm.

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