Dein Gesicht als Datenquelle

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Technischer Fortschritt bedeutet meist zugleich Chance und Risiko. Wie ist das im Bereich der Gesichtserkennung zu verstehen?

Bei der diesjährigen Mediendozentur gab der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar einen Ausblick auf die Potentiale der Digitalisierung. Seine konkreten Beispiele verdeutlichen die enge Verknüpfung der positiven und negativen Folgen durch die neuen Möglichkeiten.

Der Kunde lässt sich durch einen Blick in die Kamera identifizieren, die Rechnung durch ein Lächeln bezahlen. Gesichtserkennungs-Software ermöglicht den Einkauf ohne Kassierer*in und die Bezahlung ohne Geldbeutel oder PIN. Die Programme ermitteln biometrische Daten aus Kamera-Aufnahmen – ähnlich wie bei einer Passbildkontrolle. So funktionieren bereits die kassenlose Supermarktkette „Amazon Go“ aus den USA und das PIN-lose Bezahlsystem „Smile to Pay“ von Alibaba aus China. Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar erklärt:

„Das Business besteht darin, dass viele schlaue Köpfe einfach überlegt haben, wo nervt etwas und wenn wir den Nervfaktor abstellen digital, dann haben wir ein rollendes Business.“

Alltägliche Prozesse lassen sich schneller, einfacher und stressfreier gestalten. Der Käufer muss nicht mehr anstehen, Waren vom Einkaufswagen aufs Band umräumen und umständlich nach passendem Bargeld oder der richtigen Bankkarte suchen. Der Preis für die Bequemlichkeit sind jedoch persönliche Informationen.

„Es ist wichtig zu verstehen, dass das Businesssystem auf Daten beruht, auf unseren Daten. Und durch die Kombination von verschiedenen Daten und natürlich die Korrelation, können sie Profile zuweisen, können sie ganz viele andere Sachen machen.“

Der Einkauf von Lebensmitteln gibt Hinweise auf den Lebensstil des Käufers. Befinden sich vor allem frisches Gemüse und Obst oder eher Fertigprodukte und Süßigkeiten im Einkaufswagen? Ein FC Bayern T-Shirt verrät den Lieblingsverein und ein Tennisschläger das Hobby. Die zentrale Frage ist: Wozu werden diese Informationen verwendet?

In China dient die Gesichtserkennung oftmals der Überwachung. Die Polizei nutzt sie zur Erfassung von Ordnungswidrigkeiten wie das Überqueren einer roten Ampel. Im Schulunterricht macht es die Software Face++ der Firma Megvii möglich, die Aufmerksamkeit der Schüler zu kontrollieren.

„Die stellen eine Kamera in den Klassenraum und dann untersuchen sie den Ausdruck der Studenten und können damit evaluieren, ob er gerade dabei ist oder nicht. Und jetzt sagen sie alle: wie furchtbar.”

Gleichzeitig kann dieselbe Anwendung in einer anderen Situation Leben retten.

„Wir nehmen ein Flugzeugcockpit und wir stellen fest, dass natürlich oft die Ursache für die furchtbaren Flugzeugabstürze Piloten sind.“

Auch die Aufmerksamkeit der Piloten lässt sich durch Gesichtserkennung überprüfen. Genauso wie der Wahrheitsgehalt einer Aussage vor Gericht. Selbst Krankheiten wie Depressionen können Programme heute schon an Gesichtsausdrücken ablesen. Chancen und Gefahren gehen dabei Hand in Hand. Das wirft Fragen auf: Wo liegen die Grenzen? Was wollen wir? Was nicht?

Viele Entwicklungen wie im Bereich der Gesichtserkennung sind in anderen Ländern bereits weit fortgeschritten. Daher appelliert Ranga Yogeshwar, sich in Deutschland aktiver mit den Themen der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Er empfiehlt, das Neue auszuprobieren und sich einen positiven Blick auf die Chancen zu bewahren.

„Diese Lust im Offenwerden neuer Möglichkeiten ist die Lust, die ich uns allen wünsche.“

Am 21. Mai 2019 war Ranga Yogeshwar zu Gast bei der Tübinger Mediendozentur im Festsaal der neuen Aula. Er sprach zum Thema “Mensch & Maschine – wer programmiert wen?”. Ein Aufzeichnung des gesamten Vortrags durch CampusTV ist auf YouTube unter https://www.youtube.com/watch?v=aa-TBX1faBc zu finden.
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Über

Sofia Morelli

... hat im Wintersemester 2017/18 ein Physikstudium in Tübingen begonnen. In ihrer Freizeit spielt sie Horn und Theater, besucht kulturelle Veranstaltungen und schreibt Artikel für die Pforzheimer Zeitung. In der Zukunft möchte sie ihre unterschiedlichen Interessen im Berufsfeld Wissenschaftsjournalismus miteinander verbinden.

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